| (Meine) Jugend in Brixen: nostalgisch angehauchtes Essay über das Brixner Nachtleben |
| Dienstag, den 31. August 2010 um 07:47 Uhr |
Hier geht es also um die Rettung des Nachtlebens um das erstaunenswert erbittert gekämpft wird. Der eine oder andere scheint die Beschränkung des nächtlichen Vergnügens gar als eine Verletzung seiner Menschenrechte zu empfinden. Sperrstunden mit religiöser oder ethnischer Verfolgung gleichzusetzen scheint mir etwas gewagt, aber prinzipiell geht es hier ja um eine Sache, die ich zu unterstützen gewillt bin.
Im Vergleich zu Bruneck, Meran und Bozen würde ich behaupten, dass Brixen die Shit-Liste in Sachen kulturelles Angebot anführt. Musikalisch müssen wir uns mit Musikkapelle und Männergesangsverein zufrieden geben, die Dekadenz leuchtet noch relativ hell am Theater-Firmament, aber das war‘s dann auch schon in Sachen Bühnenspektakel, audiovisuell bietet nur der Filmclub Abwechslung zum ORF 1- Abendprogramm, denn die zwei Stadtkinos gilt es zu meiden, um Rückenbeschwerden und frühzeitiger Verdummung vorzubeugen.
Aber jetzt zum Nachtleben… ich will hier kurz meine Ausgeh- Geschichte schildern. Erste Schritte unternahm ich mit elf, wo für uns Vor-Pubertäre im Jugendhaus Kassianeum wilde Parties veranstaltet wurden. Das Kassianeum hat, im Vergleich zu heute, schon bessere Zeiten erlebt. Warum sich das Angebot des örtlichen Jugenzentrums mittlerweile auf „Trage die Sonne auf die Erde- Tanzseminar für Erwachsene“ und „Singend verbunden sein mit der Kraft der Natur“ beschränkt weiß ich nicht. Das UFO in Bruneck, das ist eine coole Institution, an deren Beispiel sich das JuKas orientieren sollte. Das gibt’s ständig gute Konzerte und Filme und Theater und Lesungen… ja, so ein UFO hätten wir gern!
Na gut, zum Teenager herangereift hab ich meine Samstag- Abende im legendären „Jukebox“ verbracht. Das Jukebox war schon eine aufregende Sache damals, da gab’s eine Bar mit Billardtischen und einen Raum zum Tanzen, wo schlechte DJs aufgelegt haben (was aber egal war) und hinten gab’s so eine dunkle Sitzecke für die jungen verliebten zum Schmusen. Der ideale Spielplatz für Hormon- gebeutelte Teenager. Ich weiß nicht mehr warum das Jukebox schließen musste, war mir damals auch schon egal, aber ich frag mich wo die Kids heute ihre ersten feuchten Küsse austauschen.
Irgendwann ist dann so eine Trennung passiert. Man wurde entweder zum Wochenends in der Disco Max im Scheinwerferlicht zu Gigi D’Ag- Tänzer oder zum sich im Pub mit Bier in der Hand angeregt über Gott und die Welt- Unterhalter. Ich darf mich letzterer Gruppe zugehörig erklären. Zwei Lokale gab’s für uns Junge, stolz als „alternativ“ selbst-betitelte: den Jazz-Keller und das Irish Pub „Big-Stone“. Das Big Stone hat geschlossen, noch heute schmerzt der Verlust dieses charmanten Pubs. Aber den Jazz-Keller haben wir ja noch. Der schließt nur leider um zwölf, weil sonst meine Oma, die nebenan wohnt, Eimer-weise Wasser über den Häuptern der Pub-Besucher aus lehrt. Diese „Rock’n’Roll- Musik von Elvis Presley“ gefalle ihr eben nicht hat sie mir verraten. Aber Scherz beiseite: meine liebe Oma und ihre Mieter haben die gesundheitlichen Schäden, die Lärm und Schlafmangel auslösen vom Arzt bescheinigt bekommen. Also Argumente wie „de solln sich net so auregn“ seien noch einmal überdacht.
Ein kurzes Intermezzo dieser Ausgeh-Odyssee gab es im Buffalo, wo ein Kellerraum zum Pub umfunktioniert wurde. In dem kleinen stickigen Raum rieben sich schweißgebadete Körper aneinander- es ging zu wie in einem polnischen Badehaus. Die Feier-Wut der Jugendlichen brachte sie gar dazu Quetschwunden und Erstickungsgefahr in Kauf zu nehmen. Eine alternative Lösung musste her! Einen Hoffnungsschimmer bot vor ein paar Jahren das „Corner- Rockpub“. Ich dachte damals das wird eine coole Sache, nur leider hat es nicht länger als ein paar Sommeremotionen überlebt.
Ja und heute studiere ich in Wien, verbringe aber immer noch viel Zeit in Brixen. Und sobald am Wochenende der Jazzkeller schließt begeben wir uns entweder weiter ins „U2“- was aber ein anderes Zielpublikum hat oder ins „TimeOut“, was echt viel Spaß macht. Das Schöne daran ist, dass früher oder später alle da landen, weil es in Brixen ja wirklich keine Alternative gibt und, dass für jeden Musikgeschmack etwas geboten wird. Nur leider hat es immer wieder mit seiner Schließung zu kämpfen. Es liegt einfach an einer denkbar ungünstigen Position. Ich lebe mit meiner Familie etwa 100 Meter davon entfernt und muss sagen, dass ich, wenn dort Betrieb herrscht und ich im Bett liege meinen Schlaf auf die Morgenstunden verschieben muss, weil mich betrunkenes Geschrei wach hält. Das ist ja prinzipiell kein Problem, ich bin ja Studentin, ich kann ja ausschlafen. Meine Eltern aber arbeiten hart und ich finde sie haben sich den Wochenendlichen Ausschlaf redlich verdient. Um den Lärmpegel zu verdeutlichen: meine Frau Mama arbeitet im schulischen Bereich und kann orten welcher ihrer Schüler da gerade betrunken herumlallt.
Und da möchte ich schon sagen, dass mich das ankotzt, dass das TimeOut vielleicht schließen muss weil ein paar Kids ihrem Frust auf Schule und den Rest Nachts unter Alkoholeinfluss lauthals Raum geben müssen, dann auf ihrem Weg in Richtung Max ihre Blasen- und Mageninhalte an den Hauswänden befreundeter Stadtbewohner hinterlassen. „Zeit online“ hat mir verraten, dass der Alkoholkonsum unter Jugendlichen sich seit den Siebzigern halbiert hat. Das sind Zahlen aus Deutschland, aber die deutsche Tendenz ist auch hier wahrzunehmen: es sind lediglich vereinzelte „Risikogruppen“, die sich an den Wochenenden bis zur Alkoholvergiftung saufen. Nur leider bekommen die die am lautesten Brüllen auch die meiste Aufmerksamkeit und von denen wird dann auf die gesamte „Jugend“ geschlossen. (Zitat: „Wir Säufer“ unter http://www.zeit.de/online/2007/14/alkoholmissbrauch)
Und jetzt noch die Schlussworte: Dass sich mein Artikel stellenweise wie ein erster Entwurf für ein coming-of-age movie liest kann ich damit begründen, dass das Ausgehen zum Erwachsen- werden gehört wie der erste Samenerguss und das erste gebrochene Herz. Ich denke das kann jeder nachvollziehen. Irgendwann werde ich wahrscheinlich wieder in Brixen leben und ich werde dazu beitragen das kulturelle Leben etwas bunter zu gestalten. Das Nachtleben wird nicht aussterben, aber man wird den Dialog weiterführen und neue Einigungen finden müssen. Und after all: so ist das Kleinstadt-Leben nun mal. Punkt.
Geschrieben von A. |
Kommentare
Zoag boade Seiten auf!! A guates Essay und zoag schian sochlich ohne a ondre seite anzuprangen die vor- und nachteile des nachtlebens
bravo anna!!
@lexx wia schun vorher erwähnt.. es isch holt a essay ;)
Im Artikel werden drei Lokale genannt, welche es heute leider nicht mehr gibt. Alle drei hatten Schwierigkeiten (längerfristig gesehen) zu überleben, jedoch nicht weil es am Interesse/Besuchen von Jugendlichen fehlte, sondern wegen den permanenten Anzeigen, nicht ausgestellten oder entzogenen Lizenzen, Polizeikontrollen usw. Mehrere Versuche das Brixner Nachtleben lebenswert zu gestalten wurden entweder von Anreinern, Politikern und den werten Hütern des Gesetzes zerstört.
Ich muss mich oftmals wirklich sehr stark wundern, wie schnell es geht die Politik(er/Innen) dazu zu bewegen ein Lokal zu schließen. Geht es jedoch darum gemeinsam das Nachtleben aufzuwerten und dieses auch langfristig zu sichern sucht man oftmals müde Ausreden oder findet man nur kurzfristige, herzlose Lösungen.
Auch im Kleinstadt-Leben sollte ein Platz für die Bedürfnisse der Jugendlichen gefunden werden. Ich unterstütze diese Aktion, da endlich etwas Politik unabhängiges geschaffen wurde und hoffe sie bewirkt langfristige Erfolge.
Und zum Artikel: Es ist halt ein Essay, das liest sich ja auch klar im Titel. Persönliche Eindrücke und Meinungen finden dort ihren Platz.
Vielleicht sollte man , ohne dem Verfasser nahe treten zu wollen), zukünftig auf kürzere Artikel mit mehr Inhalt zurückgreifen, wenn man wirklich ernst genommen werden will und nicht nur eine weiter "Aufregerseite" im Südtiroler Netz sein will.
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